Pflanzlich gegerbtes Leder: Der umfassende Guide

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Pflanzlich gegerbtes Leder – Herstellung & Besonderheiten

Leder ist als Rohprodukt ein verderbliches Material und dem natürlichen Abbauprozess ausgesetzt. Bevor es also für Kleidung, Accessoires oder Möbel weiterverarbeitet wird muss es vorher dauerhaft haltbar und strapazierfähig gemacht werden. An dieser Stelle kommt die pflanzliche Gerbung ins Spiel, welche mit Abstand die älteste Methode der Leder-Konservierung ist.

veröffentlicht am 26 Februar 2018 – Lesedauer: 10min

Inhaltsverzeichnis

Bereits 3500 v. Chr. entdeckten Menschen die Möglichkeit ihre gesammelten Tierhäute für die dauerhafte Benutzung durch Gerbung haltbar zu machen. Hierbei ist pflanzlich gegerbtes Leder entstanden und grundliegend hat sich an der Methode bis heute nichts geändert.

Für die Herstellung von vegetabil gegerbten Leder werden gerbstoffhaltige Früchte, Rinden oder Hölzer benötigt. Die natürlichen Gerbstoffe in den Pflanzen, die das Leder haltbar und strapazierfähig machen, sind Tannine (welche ebenfalls in Wein, Hopfen und manchen Teesorten vorkommen). Diese werden von Pflanzen eingelagert um Schädlinge durch ihren adstringierenden Geschmack fernzuhalten.

Beim Gerbungsprozess von pflanzlich gegerbten Leder müssen die Gerbstoffe (Tannine) vollständig durch die Oberfläche der Haut in das Gewebe eindringen. Um dies zu erreichen werden Rinden und Holz in einer Lohmühle zermahlen. Anschließend müssen die zermahlenen Pflanzen zusammen mit dem Leder in eine mit Wasser gefüllte Lohgrube getaucht werden. Nach einigen Tagen entsteht dann ein gerbsäurehaltiges Bad.

Durch das regelmäßige Wechseln der Bäder mit steigender Gerbstoffkonzentration erfolgt eine behutsame Vorgerbung. Hierbei erreicht man die Stabilisierung des Fasergefüges im Leder. Anschließend landet die Haut in einer dauerhaften Lohgrube mit konstanter Gerbstoffkonzentration. Um zu vermeiden, dass das Leder auslaugt und faulig wird, muss die Gerbbrühe ebenfalls regelmäßig gewechselt werden.

Insgesamt dauert es zwischen 20-30 Monate bis das pflanzlich gegerbte Leder fertiggestellt ist. Aufgrund der langfristigen Wirkung der Gerbstoffe auf die Tierhaut erfolgt durch die Fixierung und Vernetzung der Proteine in den Fasern die Umwandlung in haltbares sowie strapazierfähiges Leder. Hierdurch ist das Leder bereit für die weitere Verarbeitung zu Accessoires oder Kleidung.

Infografik zu pflanzlich gegerbtem Leder

Infografik pflanzlich gegerbtes Leder

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Welche Pflanzen eignen sich für die Gerbung?

Um pflanzlich gegerbtes Leder herzustellen ist der Tanningehalt der Pflanzen sehr entscheidend. Insgesamt benötigt man pro Lederhaut etwa 90kg Holz, 30 kg Rinde oder 20kg Früchte. Tannin kommt in unterschiedlicher Konzentration in sehr verschiedenen Pflanzen vor. Mit einem hohen Tanningehalt von 32-65% sind beispielsweise Galläpfel und Valonea sehr gut für die vegetabile Gerbung geeignet.

Rinde von Bäumen wie zB. Eichenrinde, Birkenrinde oder Fichtenrinde haben mit ca. 10-15% einen deutlich geringeren Tanningehalt. Dennoch hat die Rinde von Bäumen einen sehr entscheidenen Einfluss auf die spätere Beschaffenheit und Farbe des vegetabilen Leders.

Was passiert nach der Gerbung?

Nach der Gerbung wird das Leder entwässert und mithilfe einer Falzmaschine auf eine gleichmäßige Stabilität gebracht. Anschließend erfolgt die Neutralisation. Hierbei werden die nach der Gerbung im Leder sitzenden freien Säuren vernichtet. Die endgültige Beschaffenheit des vegetabil gegerbten Leders wird bei der Nasszurichtung bestimmt. Dieser Schritt hat auf pflanzlich gegerbtes Leder allerdings weniger Einfluss als auf die chemische Variante; denn die vegetabile Gerbung hat dem Leder bereits auf natürliche Weise eine sehr positive Struktur und Beschaffenheit gegeben.

Pflanzlich gegerbtes Leder hat durch die Einwirkung der Gerbstoffe bereits einen natürlichen und schönen Farbton. Sollte allerdings für die weitere Verarbeitung der Haut eine farbliche Veränderung notwendig sein, so geschieht dies während der Nasszurichtung. Hierbei gehen die Farbstoffe eine chemische Verbindung mit den Lederfasern ein.

Damit das Leder eine bessere Weichheit und Geschmeidigkeit bekommt muss es anschließend gefettet werden. Hierbei verbinden sich die Fettungsmittel mit den Lederfasern und verhindern dass sie untereinander verkleben.

Nun folgt die Imprägnierung mit Hydrophobierungsmitteln um die Oberfläche wasser- und schmutzabweisend zu machen. Abschließend wird das Material durch die Trockenzurichtung mit Hitze und Druck bearbeitet, was ein letztes mal die Oberflächenstruktur beeinflusst sowie letzte Lederfehler ausgleicht.

Lederverarbeitung

Warum ist pflanzlich gegerbtes Leder nachhaltiger und gesünder?

Die chemische Gerberei ist ein schmutziges und umweltschädliches Handwerk. Besonders durch den Prozess der Chromgerbung entstehen große Risiken für Natur und die menschliche Gesundheit.

Als kleiner Fakt: bei dieser Art der Gerbung werden im Schnitt für 40 Kilogramm gegerbtes Leder, (was in etwa einer ausgewachsenen Rinderhaut entspricht) ca. 20 Kilogramm Chemie benötigt. Aus Gründen wie diesen, sowie aus Kostengründen existiert das Handwerk in Europa mittlerweile kaum mehr.

Die chemische Gerberei wurde größtenteils in Drittwelt und Billiglohnländer in Fernost verlagert. Insbesondere Indien trifft es hierbei sehr hart. Indische Stadtteile wie “Dhaka“ und “Ranippettai“ gehören aufgrund der chemischen Gerberei zu den am stärksten verseuchtesten Orten der Welt.

Im Vergleich zur Textil- und Lebensmittelbranche ignoriert der Großteil der deutschen Verbraucher die schlechten Einflüsse, die die chemische Gerberei für Menschen sowie die Umwelt mit sich bringt. Grund hierfür sind fehlende Aufklärung und ein fehlender Aufschrei der Bevölkerung nach mehr Transparenz.

Fakten zur Chrom-Gerbung

Der chemische Gerbungsprozess setzt enorme Mengen an Giftstoffen frei. Sogenannte Chrom III-Salze gelangen häufig mit umweltschädlichen Schwermetallen über das Abwasser in die Natur. Besonders bedenklich bei der chemischen Gerbung ist neben den Chrom III-Salzen das akut toxische sowie krebserregende Chrom VI, welches durch die chemische Gerbung im Leder eingelagert wird.

Deutschland bezieht ungefähr 50% des Leders aus drei Ländern die allesamt nicht gerade für strenge Gesetzgebung hinsichtlich Umweltschutz und guter Arbeitsbedingungen bekannt sind. Insgesamt werden heutzutage 85% des Leders aus Kosten- sowie Zeitgründen mit Chrom gegerbt.

Glücklicherweise gibt es neben den vielen industriellen Unternehmen die sich für das giftige Billigleder aus Fernost entscheiden auch positive Gegenbeispiele. Zunehmend nachhaltige Premium-Marken und umweltfreundliche Unternehmen greifen auf pflanzlich gegerbtes Leder, künstliches oder teilweise sogar recyceltes Leder zurück.

Lederhäute

Vegetabil gegerbtes Leder

Pflanzlich gegerbtes Leder benötigt bei der Herstellung keine Chemie. Somit hinterlässt die Gerbung überhaupt keine Giftstoffe im fertigen Produkt und ist für Menschen gesundheitlich vollkommen unbedenklich.

Dadurch dass das Leder auf natürliche Weise eine hervorragend weiche Haptik erhält, werden keine Weichmacher wie Glutardialdehyd oder andere Aldehyde verwendet. Zusätzlich ist pflanzlich gegerbtes Leder rückstandslos kompostierbar.

Der Prozess der pflanzlichen Gerbung wird heutzutage noch häufig in Europa durchgeführt. Die Herstellung wird dabei regelmäßig strengen Prüfungen hinsichtlich Umweltbelastungen und guter Arbeitsbedingungen kontrolliert.

Selbstverständlich ist der Herstellungsprozess verhältnismäßig teurer. Dies äußert sich in höheren Verkaufspreisen der Lederprodukte. Beim Kauf sollte jedoch neben den gesundheitlichen und nachhaltigen Vorteilen immer bedacht werden, dass die langanhaltende Qualität kaum mit Produkten aus chemisch gegerbten Leder vergleichbar ist. Somit benötigt man nicht jedes Jahr eine neue Ledertasche, sondern erwirbt langlebige Produkte die jahrzehntelang benutzt werden können ohne, dass sie spröde werden oder frühzeitig kaputt gehen. Lerne mehr über Taschen und Materialien in unserem Männer Taschen Guide.

Nachhaltige Modemarken

Die riesigen Mengen an Chemie und Wasser die bei der chemischen Gerberei verschwendet werden belasten die Umweltbilanzen vieler Unternehmen kritisch. Daher hält beispielsweise der deutsche Sportartikelhersteller PUMA seine Schuhzulieferer seit 2011 an, ausschließlich von Mitgliedern der Leather Working Group einzukaufen. Mittlerweile verwendet die Marke sogar kaum mehr pflanzlich gegerbtes Leder und lässt den Großteil seiner Schuhe vollkommen ohne produzieren.

Auch das skandinavische Unternehmen H&M setzt bei einigen ihrer Kollektionen auf pflanzlich gegerbtes Leder. Neben diesen großen Modeherstellern entsteht ebenso eine immer größer werdende Zahl an kleinen nachhaltigen Mode-Brands die Menschen dazu anregen auf ihren ökologischen Fußabdruck zu achten.

Da für die Herstellung von Accessoires sowie Taschen, Schuhen, Geldbörsen etc. international eine besonders große Menge an Leder verarbeitet wird, ist hier der gewissenhafte Umgang mit Ressourcen besonders wichtig.

Im Fokus sind beispielsweise Brands wie QWSTION, Sandqvist und Bellroy welche zu dieser Initiative von nachhaltigen Mode-Brands gehören. Sie stellen hochwertige und langlebige Produkte her und verwenden dabei ausschließlich natürliche Materialien wie biologische Textilien und pflanzlich gegerbtes Leder ohne jegliche Schadstoffe.

Ihre Devise ist es multifunktionale Accessoires zu entwerfen die sowohl beim Fahrradfahren getragen werden können als auch im Büro oder auf Business-Meetings. Lieber eine multifunktionale und langlebiges Tasche für nahezu jeden Anlass, als eine Vielzahl an Taschen die im Alltag nur selten Verwendung finden.

Lederarbeit

Minderwertiges und hochwertiges Leder unterscheiden

Um hochwertiges Leder von minderwertigem, unabhängig davon ob es pflanzlich gegerbt ist oder nicht, unterscheiden zu können musst du es dir im Querschnitt vorstellen. Die Oberseite verfügt über eine sehr feine Oberflächenstruktur und wird nach unten hin kontinuierlich gröber. Oftmals wird in Gerbereien das Oberleder von seinem unteren Aufbau abgetrennt. Hierdurch gewinnt der Gerber praktisch zwei Häute: ein hochwertiges Oberleder und ein minderwertiges Spaltleder.

Das grobe Spaltleder besitzt eine glatte und dünne Oberfläche und sieht für den Endkunden auf dem ersten Blick genauso aus wie gewöhnliches Leder. Obwohl Spaltleder also unstrittig eine deutlich geringere Qualität aufweist, darf es nach Maßgabe der Lederverbände trotzdem als Leder deklariert werden. Dies führt selbstverständlich häufig zu Verwirrung beim Endkunden.

Der Unterschied zum hochwertigen Leder zeigt sich beim Träger oft schon nach kurzer Zeit. Während das Oberleder außerordentlich langlebig ist, beginnt Spaltleder oftmals schon früh an der Oberfläche aufzubrechen. Dies zeigt sich besonders häufig an Stellen wie zB. Gürtelöchern oder Ledergriffen. Außerdem ist Spaltleder deutlich weniger reißfest und strapazierfähig.

So erkennst du hochwertiges Oberleder

Oberleder besitzt eine hohe Lederdicke mit hochwertiger Riemenqualität. Besonders gut erkennst du es an seinen Lederkanten: sind sie ungeschnitten und nicht überfärbt handelt es sich meist um wertiges Oberleder. Im besten Fall sind die Lederkanten einfach umgeschlagen.

Am leichtesten lässt sich die Qualität von Leder allerdings durch seine Haptik erkennen. Lass das Leder durch deine Hände gleiten; ist es weich und geschmeidig, dann handelt es sich wahrscheinlich um hochwertiges Oberleder.

Abschließend noch ein kleiner Tipp: Lass dir beim Kauf am besten vom Händler schriftlich bestätigen, dass es sich bei deinem Produkt um hochwertiges Oberleder handelt und nicht um Spaltleder. Somit bist du definitiv auf der sicheren Seite.

Zum Abschluss haben wir dir noch die wichtigsten Leder Qualität-Siegel aufgelistet. Auf ihren Webseiten findest du weitere Informationen über pflanzlich gegerbtes Leder und über den Schadstoffverbrauch und Energieverbrauch, der bei der Lederherstellung erzeugt wird.

IVN = Chromfreie Gerbung und allergikerfreundlichkeit
ECARF = Chromfreies Leder und Gesundheitsschutz
Der Blaue Engel = Chromfreie Gerbung und Schadstoffverbrauch
Öko-Tex® Standart 100 = Chromfreie Gerbung und Energieverbrauch
Eu-Ecolabel = Chromfreie Gerbung und Gerb-Abwasser
ECOL Energy Controlled Leather = Energieeffiziente Produktion für Einkauf, Materialien, Transportwege

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